Aktuelle Sonntagsgeschichte

Paul und die Post

Paul betritt etwas schaukelnd und lallend die Wohnung, was Paula zur Frage veranlasst: „ Wo warst Du denn so lange? Dein Ultraschalltermin war doch um zwei und Deine Vereins-Weihnachtsfeier um vier, jetzt ist es nach Mitternacht.“

„Paula, der Kardiologe hat meine Nachmittagsstimmung vermiest.“

„Stimmt etwas mit deinem Oberbauch nicht?“

„Doch, Paula… Ich sagte dem Doktor, wenn alles in Ordnung ist, dann lebe ich in meinem Alter gesund und mache wohl alles richtig. Nach einem Blick auf mein Geburtsjahr meinte er, dass ich etwas falsch mache, ich lebe schon zu lange!

Daraufhin bin ich in die Gaststätte „Zur guten Laune“ gegangen und habe für 19,99 Uhr eine Schweinshaxe mit Sauerkraut und Erbspüree gegessen und kräftig nachgespült…Dann fühlte ich mich wohl und ging zur Weihnachts-Vereinsfeier.“

„ Paul, und diese ging dann bis Mitternacht?“

„Paula, nicht ganz: erst wurde der neue Vorstand unseres Kegelvereins gewählt,  dann kam der Weihnachtsmann und wir haben arabisch gelernt.“

„Paul, bitte der Reihe nach. Wie verlief die Wahl?“

„Gut. Ich wurde zum 2.Vorsitzenden gewählt.“

„Paul, schön, ist ja wie zu Hause. Und was hatte die Weihnachtsfeier mit Arabisch lernen zu tun?“

„Paula, frag nicht, auf jeden Fall, weiß ich, das „impotent“ auf Arabisch „Is lam“ heißt.“ 

Nach einer kurzen Pause fährt er fort: 

„ Übrigens,  der Müller verlässt unseren Verein zu Weihnachten.“

„Paul, wie oft sagte ich Dir schon, dass es heutzutage an Weihnachten heißt! Warum verlässt er euch?“

„Er siedelt nach Mallorca über und will dort sein Rentnerdasein ausleben. Da sei es wärmer und die Stimmung besser. Müller fragte mich, ob wir nicht den Rest unseres Lebens auch  in Mallorca verbringen wollen. Dann könnten wir uns abends immer am Ballermann-Strand treffen. Ich sagte ihm, nee, wir wollen in Würde alt werden.“

„ Paul, apropos   Würde. Heute kam Post vom Finanzamt, von der Krankenkasse, von Vodafone und von der Polizei.“ 

„Paula, ich bin müde-es ist spät.“

„Paul, wer saufen und dumm quatschen kann, kann auch noch die Briefe lesen. Paula gibt ihm die geöffneten Briefe, Paul lallt: „ Hallo, Herr Paul Lehmann“, „Guten Tag, Herr Lehmann“, „Hallo, Paul L.“ „Hi, Ehepaar Lehmann…“.

Paul überfliegt die Briefe, die statt mit freundlichen oder besten Grüßen oder Hochachtungsvoll mit Kürzel enden, wie MfG, LG, VG oder dieses Schreiben wurde maschinell erstellt…“

Erregt äußert er sich: „ Paula, die können mich alle am Arsch lecken. Keine ordentliche Anrede, keine freundliche Verabschiedung. Und was ist das hier: 

` Paul Lehmann, nutzen Sie ihre Aufstiegsmöglichkeiten: Werden Sie Dachdecker!` , Absender: Job-Center. Die müssen doch wissen, dass ich schon lange  Rentner bin.“

Während Paula den Brief von der Polizei öffnet, geht Paul  an den Kühlschrank, sagt „Paula, Prost auf die Flaschenpost“ und trinkt einen Schluck vom „Nordhäuser Korn“ . 

Paula liest laut: „ Die Zahl der Einbruchdiebstähle ist in Berlin um gut 25 % zurückgegangen, dank intelligenter Systeme für den Einbruchschutz. Sichern  Sie noch heute ihre Wohnung mit modernsten Einbruchschutzanlagen: Bestellen Sie am besten och heute…“.

Paul unterbricht Paula und sagt „Paula, ich weiß eine bessere Lösung, wir kleben an unsre Fensterscheiben und an die Wohnungstür einfach unsere  Kontoauszüge!“

Vorgetragen zur Weihnachtsmatinee am 8.Dezember 2018
Broschüre mit den dreizehn schönsten Sonntagsgeschichten

Anlässlich des 50. Sonntagskonzertes (siehe Biografie) erschien 2002 eine Broschüre mit den dreizehn schönsten Sonntagsgeschichten.